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Open Source - eine notwendige Bedingung für nachhaltiges Wirtschaften

10. März 2021 | von Maximilian Voigt
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Wie Bildung, Open Source und Offene Werkstätten zusammenhängen

Ein ressourcenschonendes Leben braucht Veränderungen auf zahlreichen Ebenen. Zu diesen gehört insbesondere auch der Umgang mit Technologie. Dieser wird entscheidend geprägt von individuellen Fähigkeiten, politischen Rahmenbedingungen und dem Vorhandensein von offenen Technologien sowie Infrastrukturen. Das zeigt die Gegenüberstellung des Nachhaltigkeits-Mantra “reduce, reuse, recycle” mit Auszügen aus der Open Definition: “Open means anyone can freely access, use, modify, and share for any purpose.” Ohne technisch-technologische Kompetenzen - praktische Fähigkeiten und systemisches Verständnis -, die über die Anwendungsebene hinausgehen, offene Technologien, wie Open Source Software und Hardware, sowie Offene Werkstätten, in denen die Reparatur und das Selbstlernen durch Bürger/innen ermöglicht wird, ist Technik immer nur ein schnelllebiger Konsumgegenstand, der schwer an neue Verhältnisse angepasst sowie in lokale, nachhaltige Kreisläufe integriert werden kann.

Es braucht eine offene Technologiebildung

Dabei geht es in der Kompetenzentwicklung nicht darum, tiefgreifende ingenieurwissenschaftliche oder informatische Fähigkeiten in die Breite zu tragen. Viel mehr geht es um das Verstehen von funktionalen Zusammenhängen, die das Einschätzen von Technologie erlauben und übertragbar sind auf verschiedene konkrete Zusammenhänge. Es geht um handwerkliches Grundgeschick, auf physischer und digitaler Ebene. Und es geht um das Verständnis von systemischen Zusammenhängen und politischen Dimensionen sowie diese kritisch zu hinterfragen.
Die aktuellen Entwicklungen im Bildungsbereich drohen diese Ziele zu verfehlen. Technik wird gleichgesetzt mit digitalen Tools und Fähigkeiten werden größtenteils beschränkt auf die Anwendung. Fähigkeiten, die darüber hinausgehen, stehen selten im Fokus. Erforderlich ist daher eine „offene Technologiebildung“, also Ansätze, die die technische Funktion sowie Reflexion in den Mittelpunkt stellen und einen selbstbestimmten Umgang mit Technologie fördern. Versinnbildlicht an einem Staubsauger geht es also darum, das Plastikgehäuse zu öffnen und den Mechanismus dahinter zu verstehen. Denn nur auf dieser Grundlage können wir wirklich Konsumentscheidungen treffen, Reparaturmöglichkeiten ausloten und einfache Reparaturen selbst durchführen.
Dabei geht es auch um Macht. Denn wer über das Wissen um Technologien verfügt, kann in einer durch und durch von Technik durchdrungenen Gesellschaft Prozesse beeinflussen. Das zeigt sich nicht nur an Debatten rund um das Netzwerkdurchsetzungsgesetz oder die Vorratsdatenspeicherung, bei denen ein Verständnis der Materie notwendig ist, um Argumente bewerten zu können. Es geht auch um Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Technologie, zum Beispiel im Hinblick auf das Recht auf Reparatur. Hier werden grundsätzliche Entscheidungen für die Reparierbarkeit von Objekten getroffen. Sollen Bürger und Bürgerinnen selbst an Ersatzteile gelangen oder nur autorisierte Händler? Müssen Ersatzteile überhaupt vorgehalten werden? Und sollen Hersteller ihre Geräte so designen, dass sie leicht zu reparieren sind? Für eine breite Beantwortung dieser Fragen braucht es ein Grundverständnis und die Sensibilisierung für technische Belange.

Open Source in die Breite tragen

Neben diesen individuellen Kompetenzen braucht es offene Technologien. Denn nur durch die Dokumentation von technischen Objekten und Softwarelösungen, aber auch ein offenes Design, das das Öffnen erlaubt, ist eine offene Technologiebildung und die Reparatur möglich. Das gilt insbesondere auch für die nachhaltige Entwicklung von Technik. Open-Source-Software und Hardware-Lösungen ermöglichen die Nachnutzung bereits verwendeter Ressourcen, indem bestehende Technik kollektiv weiterentwickelt und Fehlkonstruktionen verbessert werden können. Eine freie Lizenz gewährt die dezentrale Modifikation. Ebenso wird die Integration in lokale Kreisläufe möglich, indem die Technologie leicht an Bedarfe angepasst und in Infrastrukturen integriert werden kann. Um das zu gewährleisten gilt im Hinblick auf das Design die grundsätzliche Regel, dass die Anwendung in einen generischen Kern mit offene Schnittstellen strukturiert werden sollte. So werden plattformübergreifende Grundfunktionen abgedeckt und die Anpassung an unterschiedliche Anforderungen ermöglicht, indem leicht anschlussfähige Anwendungen entwickelt werden können.
Während Open Source für den Bereich der Software ein verbreitetes Thema ist und weite Teile der Softwareentwicklung bereichert, steckt Open Source Hardware noch in den Kinderschuhen. Schlimmer noch: Wer sich an die 50er und 60er Jahre erinnert, weiß, dass der Schaltplan oft fester Bestandteil erworbener Geräte war. Heute verschwinden technische Zusammenhänge immer mehr in verklebten Gehäusen, die möglichst wenige Gründe für das Öffnen geben sollen – die technische Dokumentation der Geräte liefert nur noch die nötigsten Informationen. Das muss sich ändern und mindestens für die Reparatur relevante Zusammenhänge dokumentiert werden.
Es ist klar, dass eine breite Umsetzung von Open Source tiefgreifende Einschnitte in die Art und Weise hätte, wie wir wirtschaften. Deswegen ist die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen notwendig, die nicht auf den Verkauf von exklusivem Wissen und Nutzungsrechten beschränkt sind. Entwicklungen wie Dual-Lizenzierung, Software-as-a-Service, Freemium, Patreon oder Open Collective sind hier erste Ansätze. Ein Beispiel für Dual-Lizenzierung aus dem Bereich der Hardware sind die Lastenfahrräder von XYC CARGO. Sie basieren auf einem von XYZ SPACEFRAME VEHICLES entwickelten Konstruktionssystem, das stabile Rahmen alleine durch die Verschraubung von Aluminiumelementen ermöglicht. Ein Grundaufbau steht dokumentiert und mit der umstrittenen, für kommerzielle Zwecke eingeschränkten Creative-Commons-Lizenz BY-NC-SA 3.0 zur Verfügung. Weiterentwicklungen, insbesondere Abwandlungen in Form von anderen Aufbauten, sind geschlossen. Das ist noch nicht ideal, aber durch die Kenntnis der Kernsystematik wird die Reparierbarkeit erleichtert und Modifikationen können vorgenommen werden.
Während im Konsumenten-Bereich noch experimentiert wird, ist der Forschungsbereich bereits weiter. Grundsätzlich ist es eher die Ausnahme, als die Regel, dass öffentlich geförderte Projekte ihre entwickelten Technologien unter freier Lizenz und dokumentiert zur Verfügung stellen. Durch dezidierte Förderrichtlinien sollte dieses Verhältnis umgekehrt werden. Gesonderte Dokumentations-Förderungen sind hier eine Möglichkeit, die Nachnutzung zu gewährleisten. Jenseits dessen steigt aber die Anzahl und Verwendung der als Open Hardware veröffentlichten Technologien. Geschäftsmodelle werden im wissenschaftlichen Kontext gesehen, insbesondere im Service der aufwändigen Systeme, zum Beispiel durch die Bereitstellung von Ersatzteilen oder Sonderanfertigungen (Pearce 2017).
Wie bereits erwähnt hat Open Source im Bereich der Software einen großen Vorsprung gegenüber der Hardware. Das geht - neben den offensichtlich ökonomischen Aspekten - besonders mit Herausforderungen bei der Dokumentation einher. “The biggest problem is not writing documentation, but keeping that documentation up to date.” Hardware besteht aus zahlreichen Wissensressourcen - das stellt besondere Anforderungen an das Tracking von Veränderungen. Die Weiterentwicklung von dezidierten Versionierungssystemen ist also notwendig.
Eine andere Herausforderung ist die Frage, wann Hardware wirklich nachnutzbar dokumentiert ist. Denn es werden ganz unterschiedliche Ressourcen benötigt, um physische Objekte nachzuvollziehen, wie technische Zeichnungen, Teilelisten oder Montagepläne. Die  DIN SPEC 3501 und 3502 und das Projekt OPEN! geben hier erste Antworten.

Offene Werkstätten: Schnittstellen für lokales Lernen und Wirtschaften

Im Brennglas der Pandemie zeigen sich die seit Jahrzehnten verschlafenen Anpassungen des Bildungssystems an die Bedarfe der Postmoderne besonders. Die Vermittlungen von digitalen, technisch-technologischen Kompetenzen steht noch immer am Anfang. Mit der Arbeitsteilung hat das zu einer geistigen Entkopplung von der technischen Infrastruktur geführt, der wir jetzt als Konsumenten blind ausgeliefert sind (Simondon 2012). Das führt zu zahlreichen Problemen, insbesondere auch, wenn es um die ressourcenschonende Nutzung geht. Technisch-technologische Kompetenzen sind eine essenzielle Grundlage, um ein selbstbestimmtes und ressourcenschonendes Leben führen zu können. Um diese zu fördern und Bildungseinrichtungen nicht übermäßig zu strapazieren, sind offene Räume unerlässlich, in denen Lernende und Lehrende sich selbstbestimmt mit Technologie auseinandersetzen können, um eigene Zugänge zu entwickeln. Solche Zugänge ermöglichen deutschlandweit zahlreiche außerschulische Lernorte, wie Offene Werkstätten.
Der Charakter einer Offenen Werkstatt kommt beim Vergleich mit einer Ausbildungswerkstatt zum Vorschein. Dort geht es um konkrete Berufsbilder, die produktiv ausgeprägt sind. Da gibt es Lehrende, die Auszubildenden mit Wissen segnen oder fit machen für einen bestimmten Berufszweig oder ein konkretes Berufsbild. Das Ziel ist also ein bestimmtes Level von Qualifikation. Im Gegensatz dazu steht die offene Werkstatt. Dort können solche Expertinnen und Experten auch vor Ort sein, aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Vielmehr geht es um die gegenseitige Befähigung von Gleichgestellten. Diese hat nicht in erster Linie zum Ziel einen Qualifizierungsnachweis hervorzubringen, sondern es geht um das praktische Hands-On-Wissen selbst. In Offenen Werkstätten kommen Menschen zusammen, die Interesse daran haben sich selber fortzubilden, selbst etwas im Tun zu lernen, diese Erfahrungen anderen weiterzugeben und in dieser sozialen Interaktion gemeinschaftlich zu wachsen. Dieses selbstbestimmte Lernen ermöglicht ganz eigene Zugänge zu technischen Objekten und fördert so auch den Umgang im Alltag.
Neben der sozialen sowie technischen Auseinandersetzung sind Offene Werkstätten auch Lernräume, in denen das Teilen von Wissen, also die grundsätzliche Praxis hinter Open Source, erlebbar wird. Als Knotenpunkte regionaler Lernnetzwerke können sie zahlreiche Wissensressourcen zusammenführen und den Austausch fördern. So werden Innovationen aus der Zivilgesellschaft und außerinstitutionellen Zusammenhängen in formale Einrichtungen getragen und eine offene Lernkultur etabliert, die auf Zusammenarbeit ausgerichtet ist und eine Kultur des Teilens von Wissen etabliert.
Auch im Hinblick auf lokale Wirtschaftsräume, wie Kreislaufsysteme, spielen Offene Werkstätten eine herausragende Rolle. Sie erlauben die Anfertigung individualisierter Einzelstücke oder nicht mehr verfügbarer Ersatzteile (Rapid Manufacturing) sowie die Weiterentwicklung und Reparatur bestehender Technologien. Eine typische Ausstattung besteht neben gängigen Handwerkzeugen aus 3D-Drucker, Laser-Cutter sowie weiterer CNC-Maschinen - sogenannter Mittlerer Technologien -, um unterschiedliche Materialien und Werkstücke bearbeiten zu können. Ganz nach dem Motto: make almost everything (Bergner 2017).

Visionen für einen strukturellen Wandel

Eingebettet in lokale Kontexte sind Offene Werkstätten Keimzellen für neue Ideen und insbesondere Orte der Selbstermächtigung sowie Teilgeberschaft an Open Source. Gerade im ländlichen Raum geht es darum, sich von weichenden Strukturen zu emanzipieren und neue Wege des Wirtschaftens zu finden. Im Kontext von Offenen Werkstätten entsteht eine resiliente Bürgerschaft, die weitgehend unabhängig von globalen Strukturen ist und ihre eigenen, lokalen Ressourcen erschließt (Lange 2017). Mit Open Source Hard- und Software, lösungsorientiertem Handeln, mit Infrastrukturen mittlerer Technologien, die ein unabhängiges Experimentieren und lokal verortetes Wirtschaften ermöglichen, sind vielversprechende Visionen für ein ressourcenschonendes Leben möglich.

Literatur

  • Bergner, Anne. 2017. Make-Design-Innovate. Das Potential des Maker-Movements für Innovation, Kreativwirtschaft und Unternehmen. Coburg: Hochschule für angewandte Wissenschaften Coburg.
  • Lange, Bastian, Valentin Domann und Valerie Häfele. 2016. Wertschöpfung in offenen Werkstätten. Eine empirische Befragung offener Werkstätten in Deutschland. Berlin: Institut für ökologische Wirtschaftsforschung.
  • Pearce, Joshua M. 2017. Emerging Business Models for Open Source Hardware. Journal of Open Hardware, 1(1): 2, S. 1-14.
  • Simondon, Gilbert. 2012 (1958). Die Existenzweise technischer Objekte. Zürich: diaphanes.

Der Artikel ist in englischer Sprache im Magazin "Ökologisches Wirtschaften" des IÖW erschienen (Open Access).