Mehr Material retten: In Dresden startet ein neues Wiederverwendungszentrum

Viele Menschen sammeln inzwischen Wertstoffe im Haushalt, um sie selbst weiter zu verwenden oder über die gelbe Tonne einem Recyclingkreislauf zuzuführen. Was aber ist mit den riesigen Mengen an Abfällen, die nach Ausstellungen, beim Umbau öffentlicher Einrichtungen oder in der Produktion entstehen? In diesen Bereichen gibt es immer noch ein großes Aufkommen an Materialien, die aus der Nutzung fallen, lange bevor sie unbrauchbar geworden sind. Der Kunst-Stoffe e.V. rettet diese wertvollen Ressourcen vor der Müllkippe: Schultafeln, Teppichböden, Kanister, Glasrohre, Plastikbuchstaben, Muscheln, Steine, Stoffe – die Liste ist lang. Die Idee dazu hatte Corinna Vosse, Mitgründerin des Vereins, einst aus New York mitgebracht. Seit 2006 können sich Kreative in den Berliner Lagern von Kunst-Stoffe mit gutem Gewissen ausstatten; Kitas und Schulen füllen hier ihre Bastelkisten.


Das Kunst-Stoffe Lager in Pankow

Ein wirkungsvoller Weg, das Abfallaufkommen zu reduzieren - eigentlich verwunderlich, dass es solche Vermittlungsstellen nicht schon längst an mehr Orten gibt. In Zukunft könnte sich das ändern: Gefördert vom Umweltbundesamt entwickelt Kunst-Stoffe seit dem Sommer 2017 auf Basis des eigenen Konzepts ein übertragbares Modell: Das Projekt Wiederverwendung in der kommunalen Ressourcenpolitik verankern verfolgt das Ziel, lokal dauerhafte Nutzungskreisläufe aufzubauen.


Bunte Mischung

Was zunächst zu einem gelungenen Start fehlte, war ein verlässlicher Partner, mit dem der Verein die Errichtung einer örtlichen Materialvermittlung Schritt für Schritt nachvollziehen konnte. Im vergangenen Herbst fügte sich schließlich eins zum anderen: Denn während Corinna nach einer Initiative suchte, um gemeinsam das erste Modellprojekt aufzubauen, feilten drei Dresdnerinnen an einer Projektskizze zur Weiterverwendung von Industrie-Abfällen. Angeregt durch den Wettbewerb Zukunftsstadt Dresden entwarfen Anna Betsch, Iris Meusemann und Claudia Müller einen Ansatz, wie ihn Kunst-Stoffe seit Jahren betreibt: Sie planten, Restmaterialien zentral zu sammeln und zum Up- oder Recyceln an Kunstschaffende und Bildungseinrichtungen weiterzugeben. Zusammengeführt hat die beiden Teams schließlich Matthias Röder vom Konglomerat e.V. – Netzwerken zahlt sich eben aus! Derzeit bezieht das Pilotprojekt, das aktuell noch unter dem vorläufigen Namen Materialvermittlung Dresden arbeitet, seine zukünftigen Räume. Die ersten 11 Paletten Klebeband lagern bereits im Keller des Rosenwerks.

In den nächsten Monaten identifizieren Anna, Iris und Claudia die für Dresden passenden Stoffströme. Sie wollen herausfinden, welche Materialien vor Ort anfallen und von Kreativen, Kitas und sonstigen VerbraucherInnen nachgefragt werden. Außerdem erwartet die drei eine Menge Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit: Unternehmen und AbnehmerInen müssen überhaupt erst von der Möglichkeit erfahren, Wertstoffen durch Weitervermittlung ein zweites Leben zu schenken. Bei der Anbahnung der Zusammenarbeit mit den ansässigen Firmen unterstützt die Umweltbürgermeisterin Anna Jähnigen das Team mit einem Letter of Intent.


Das Materiallager in der Neuköllner Kindl-Brauerei gibt es seit 2016 - auf dass es im Rosenwerk bald ähnlich volle Regale gibt

Die Kooperation zwischen Kunst-Stoffe e.V. und der Dresdner Materialvermittlung schafft eine optimale Blaupause für den weiteren Modelltransfer. Am Ende sollen aus den gesammelten Erfahrungen Handreichungen und Workshops entstehen, die es Kommunen erleichtern, die Weitergabe von Gebrauchtmaterialien in ihrer Ressourcenpolitik zu verankern. Ziel ist nicht weniger als ein „bundesweiter Konzepttransfer“ – welch ein Berg an Wertstoffen ließe sich so für eine weitere Nutzung retten!

Wer Materialien in Dresden abzugeben hat, oder sich für einen Besuch im Lager interessiert, sobald es fertig bezogen ist, erreicht das Team unter: materialvermittlung@konglomerat.org

Kunst-Stoffe betreibt in Berlin zwei Lager: Öffnungszeiten, Kontaktdaten und weitere Infos findet ihr unter: https://kunst-stoffe-berlin.de/
Material des Monats Februar sind übrigens Sprelacarts. Die aufklebbaren, mit Kunstharz gebundenen Schichtstoffplatten liegen gemeinsam mit vielen weiteren tollen Dingen im Materiallager Pankow.

Auf der Veranstaltungsreihe „An Otter World is possible“ im Löbtauer Platz Da! kann man am kommenden Dienstag, 27.02.2018, noch mehr über die Arbeit der Berliner und Dresdner Materialretterinnen erfahren. Corinna spricht dort um 20 Uhr zum Thema Regionalwirtschaft im Kontext der Entschleunigung.