Drucken im Krisengebiet

Offene Siebdruckwerkstatt SDW-Neukölln gibt einen DIY-Workshop in أربيل  (Irak)

auf kurdisch: HIER

Im Juli erhält die SDW eine Einladung zu einem Workshop. An sich nichts Besonderes, aber es handelt sich dabei um keinen gewöhnlichen Kurs: Veranstaltungsort ist nicht Berlin, sondern Erbil, Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Ein ambivalentes Angebot: Ist ein Workshop im Irak die Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte? Oder ein nicht abschätzbares Risiko, das man besser nicht eingeht?

Die Neugier überwiegt. Zwei Team-Mitglieder können teilnehmen, die Wahl fällt auf Thomas und Kathrin. Vor dem Abflugtermin besuchen die beiden mehrfach die Seite des Auswärtigen Amtes, um die Sicherheitslage zu checken. Erbil liegt zwar eigentlich in einer sicheren Zone – ein mulmiges Gefühl bleibt trotzdem.

SDW-Neukölln - Verbund Offener Werkstaetten

Am 18.09., kurz nach Mitternacht, geht es los: mit Turkish Airlines auf nach Kurdistan. Raus aus dem beginnenden Berliner Herbst, rein in staubige 35 Grad im Schatten. Im Gepäck: alles, was zum Siebdrucken und zum Bau mobiler Geräte nötig ist – Gewebe, Baumaterialien und Farbe. Auch dabei: ein flauer Magen und eine gute Portion Vorurteile. Thomas war noch nie im Nahen Osten, Kathrin zwar einige Male in Israel, aber den Irak kennen beide nur aus den Medien – als einen der weltgrößten Krisenherde. Thomas‘ Turnschuhe haben es deshalb nicht ins Gepäck geschafft. Entführungen sind häufig im Irak, als Westler will er nicht zusätzlich mit Markenschuhen auf sich aufmerksam machen. Völliger Mumpitz, wie sich später rausstellt: Wer es sich leisten kann, trägt auch in Erbil Sneakers.

SDW-Neukölln - Verbund Offener WerkstaettenErbil, eines der ältesten durchgehend bewohnten Siedlungsgebiete der Welt. "Da kommt die Menschheit her", sagen die Bewohner nicht ohne Stolz.

 

Die Stadt mit ihren über 800.000 EinwohnerInnen hat zwar kein Kino, dafür aber zwei Galerien und eine aktive Kunstszene. 10 Menschen nehmen an dem Workshop teil. Bis auf einen Kunsthistoriker und einen kleinen Jungen sind es KünstlerInnen aus der Region. Die meisten malen, manche haben mit Installationen gearbeitet. Das Interesse an Joseph Beuys‘ Kunstbegriff und expressionistischer Malerei ist groß.

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Weil „echter“ Siebdruck aus Mangel an Maschinen wie Belichtungstisch oder Karussell nicht durchführbar ist, steht Schablonendruck auf dem Programm. Den Auftakt bildet der Bau zweier mobiler Siebdruckgeräte, die auch nach dem Kurs vor Ort im Einsatz bleiben. Am zweiten Tag geht es los mit Drucken. Jede/r TeilnehmerIn hat ein Motiv vorbereitet: ein Peace-Zeichen, Tierpfoten, ein Künstler setzt ein Acrylgemälde in eine Siebdruckversion um. Der kleine Junge möchte einen Drachen auf sein T-Shirt.

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Für Erstaunen sorgen die mitgebrachten Jutetaschen. – Darauf drucken? „What’s the point?“, fragt eine Künstlerin verwundert. Die in Berlin omnipräsenten Beutel als Träger von Botschaften und Slogans sind in Kurdistan noch nicht in Mode gekommen.

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Neben dem Bauen und Drucken erfahren Kathrin und Thomas viel über den Lebensalltag und die oft bedrückende Realität. Die Ausbildungsbedingungen sind schlecht: Einige TeilnehmerInnen würden gerne ein Kunststudium im Ausland aufnehmen, da es in Erbil kaum Möglichkeiten gibt, sich weiterzubilden. Dazu kommt die permanente Drohkulisse aus Krieg und Terror. Die Menschen in der Autonomen Region Kurdistan leben zwar in einer fragilen Sicherheit. Aber viele haben Familie in anderen, gefährlicheren Teilen des Landes, oder haben selbst einige Zeit dort gelebt. Hussain, der am Goethe-Institut ein Schulprojekt betreut, sagt über die derzeitige Lage in Bagdad: Wer sich morgens verabschiedet, tut das so, als könnte es für immer sein.

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Und auch in Kurdistan ist der Krieg nie wirklich weit weg: Rund um Erbil liegen etliche Flüchtlingslager, Tausende syrische Kurden befinden sich aktuell auf der Flucht. Der Konflikt in Syrien droht, die Lage im Irak zu destabilisieren. Wie trügerisch die Sicherheit ist, zeigt sich kurze Zeit nach dem Workshop: Nach sechs terrorfreien Jahren tötet eine Bombe, die am 29. September in Erbil explodiert, sechs Menschen und verletzt weitere 36 schwer. Der Aufenthalt von Kathrin und Thomas liegt zu diesem Zeitpunkt gerade eine knappe Woche zurück.

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Dennoch – für alle hat sich der Kurs gelohnt. Eine Künstlerin hatte bereits zuvor die Flüchtlingslager besucht und ein Projekt mit den Flüchtlingen gemacht. Ihre Erfahrungen im Siebdruck will sie dort vielleicht für ein weiteres Vorhaben nutzen. Das Goethe-Institut hat großes Interesse an ähnlichen Workshops, auch ein Künstleraustausch ist denkbar. Sollte es schwierig sein, an Siebdruck-Ausstattung zu gelangen, sendet die SDW die nötigen Materialien nach Erbil. Eine Fortsetzung scheint also möglich, und wenn es die Sicherheitslage zulässt, war dies vielleicht nicht der einzige Besuch der SDW im Irak.


 

Siebdruck in Erbil - Irak

Siebdruck in Erbil - Irak

Siebdruck in Erbil - Irak

Siebdruck in Erbil - Irak

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