Von Dinos und Druckern

20. August 2019 | von Thomas Mehwald
explore

Ich habe Fortnite Schlüsselanhänger gedruckt, habe Louis Vuitton und Capital Bra Logos gelasert, habe gelernt, dass es, zumindest bei google, kein richtiges arabisches Wort für Heimat gibt. Ich erfahre erschütternde Details aus dem Leben von Kindern, kriege sagenhafte Lügengeschichten aufgetischt, treffe begeisterte Menschen und sehe sie nie wieder. Ich lerne Horrortrickfilmserien für Kinder kennen. Die Liste der gCodes für den Drucker erzählt eine faszinerende Geschichte. Thingiverse ist ein guter Freund geworden. In den Untiefen der Platform gibt es haarsträubenden Unsinn und richtig gut gemachte Sachen. Ich habe Dinge entdeckt, die mir richtig gefallen, die ich immer wieder drucke.

Ich verschenke Artefakte, die besonders schön sind. Irgendwo auf einem Tisch werden sie liegen, angefasst werden, ihre Geschichte wird erzählt. Ich baue Beziehungen auf, indem ich von der Werkstatt erzähle. Finde einen Mann, der Daten eines 3D Scanners verarbeiten kann, ich schicke ihm alles und stelle fest, dass meine Bilder zu schlechte Qualität sind. Den 3D Scanner habe ich selbst gebaut, ein open source Projekt ist es. Mehr als 40 Druckstunden, der größte Druck, den ich je gemacht habe. Das Ding funktioniert nicht richtig, liegt wohl an mir. Mir ist in solchen Situationen auch immer eher die Logik wichtig: mit der Werkstatt Werkzeuge herstellen und nützliche Dinge machen. Wie wir an die Jugendlichen kommen? Wie wir diese tolle Logik verbreiten? Loslassen. Alles loslassen. Alle Meinungen und Ideen. Vielleicht ist eine offene Werkstatt der größte Unfug. Vielleicht habe ich mich da völlig verrannt. Es ist immer möglich, es gibt keine Garantien.

 

Was eine Garantie ist: dieser Mensch dort vor mir ist Teil des Ganzen, hat Interressen und Eigenschaften, die ihn einzigartig machen. Dennoch gehorcht er natürlichen Gesetzen, wie wir alle. Irgendwie kann eine Werkstatt und digitale Technik ein Werkzeug sein für ihn oder für sie. Nur wie? Von Streetworkern kann man da viel lernen. Einfach hingehen, da sein. Beziehung anbieten. Den Weg eine Weile mitgehen. Jugendliche haben feine Antennen. Bei uns sind die oft abgebrochen.

 

Die Technik ist soweit, dass wir Mini Werkstätten durch die Gegend schleppen können. Die Jugendlichen erfahren, dass der, der mit dieser Technik hantiert kein Wichtigtuer, Pädagoge oder Geschäftsmann ist. Das ist ein Weg, den ich bisher gegangen bin, er fühlt sicht gut an.

 

Eine Frage der explore Förderung ist: was können Jugendliche von offenen Werkstätten lernen? Mich interessiert auch: was können offene Werkstätten von Jugendlichen lernen? Im Kern heisst das, dass Menschen die Werkstätten betreiben, vergessen. Vieles von dem, was einen erwachsenen Menschen ausmacht, ist sinnloser Unfug. Meinungen, Verkrampfungen, Urteile. Da nur Nazis, hier muss ne Quote her. Sicher gibt es auch Fähigkeiten, Prozessabläufe die gelernt sind, die es erlauben, Dinge zu tun: zu bauen, zu pflanzen, zu heilen und so weiter. Der erwachsene Mensch der eine Werkstatt für Jugendliche attraktiv machen will, sollte zuerst sich selbst attraktiv machen. Glaubwürdig ist attraktiv. Authentisch ist attraktiv. Jemand ohne Agenda ist attraktiv. Ich habe Gangway mal als eine Truppe von schrägen Leuten, die für etwas brennen beschrieben. Die meisten sind so in etwa bei Gangway. Neben der Arbeit mit Jugendlichen hat man hier Möglichkeiten, Dinge umzusetzen, anzuschieben. Dieser Raum und diese Zeit erlauben mir, das Zusammenwirken von digitaler Produktion und sozialer Arbeit zu untersuchen.

 

Eine große Gefahr für die offenen Werkstätten und ihr phantastisches Angebot ist die politische Korrektheit. Etwas nicht sagen oder nicht denken zu dürfen (oder es zu müssen) ist Gift für die Freiheit, die 3D Druck, open source und gemeinschaftliches Werken verströmen. Etwas nur für eine bestimmte Zielgruppe machen zu müssen ebenso. In diesem Sinne muss der Blick immer auf allen Beteiligten liegen. Und dazu gehört eben auch der “Experte” der mit seinem umfassenden Wissen eine Autorität ist. Kann er nicht vermitteln, so ist er nichts. Oft scheint das so bei technisch versierten Männern, deren Rückzug in die Logik und Einfachheit der Maschinen traurig und gleichzeitig vielversprechend ist.

 

Was vor uns liegt ist Arbeit über Generationen. Unsere Generation, wir, sind geprägt von Bildung und Arbeit, die den Experten anhimmelt, das Buchwissen glorifiziert, und Autoritäten fördert. Nichs davon spielt eine Rolle. Absolute Meisterschaft erringt man entweder durch förderndes Umfeld oder durch starke Sturheit. Den meisten Menschen ist der Weg zu Meisterschaft daher verwehrt. Weil sie nicht gelernt haben, dass in ihnen ein Talent schlummert, irgendeines, und sei es auch noch so belanglos, auf den ersten Blick. Das ist der Deal. Dafür sind Werkzeuge jeder Art gedacht. Dass der Mensch aus sich herausbringe was herausmuss.


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