Interview #4 - Gerd Keller von der Offenen Jugendwerkstatt Karlsruhe

12. Dezember 2019 | von Barbara | Karlsruhe
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Die Offene Jugendwerkstatt Karlsruhe gibt es seit 2009? Welche Idee stand hinter der Gründung?

Die Offene Jugendwerkstatt ist seit 2009 ein eingetragener Verein, aber eigentlich gibt es die Werkstatt schon seit 2002. Die Werkstatt wurde zur Unterstützung von TheoPrax-Projekten an Schulen ins Leben gerufen, weil die Schüler oft nicht die Möglichkeit hatten, Ideen in die Praxis umzusetzen. Es fehlte an Werkräumen, Maschinen usw. Seither wird die Werkstatt als Teil des Theoprax-Systems betrieben.

Das Team hinter der Offenen Jugendwerkstatt Karlsruhe ist auch mit der TheoPrax-Stiftung verbunden. Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen beiden Einrichtungen aus?

Das sind zum größten Teil die gleichen Leute. Im vergangenen Jahr ist bei der Stiftung einiges umstrukturiert worden. Seit 2018 ist auch ein Theopraxzentrum direkt in der OJW ansässig. Das Zentrum vermittelt die Praxisprojekte, z.B. zwischen Schule, Schüler*innen und Firmen.

Warst Du von Anfang an dabei?

Ich bin seit drei Jahren dabei, seit ich die zeitlichen Möglichkeiten dazu habe. Die Theopraxprojekte finden oft unter der Woche in der Schulzeit statt, für Betreuer ist das schwierig, solange man berufstätig ist. Das können Selbständige machen, die ihre Zeit frei einteilen können, oder Menschen im (Vor-)ruhestand.

Bei euch betreuen auch viele Senioren Kinder und Jugendliche bei ihren Werkprojekten – wir gelingt die Zusammenführung vom Jung und Alt? Wie kann man sich das Nebeneinander verschiedener Generationen vorstellen?

Das funktioniert recht gut, wir haben dazu ein paar Regeln: Es ist alles per Du, ob es der achtjährige Schüler ist oder der 67-jährige Professor. Es herrscht untereinander ein kollegiales Verhältnis, das wird von den Kindern gut angenommen. Es gibt viele Senioren, die als Lehrkräfte tätig waren oder als Meister im Ausbildungsbetrieb und die Erfahrung mitbringen im Umgang mit Jugendlichen. Im Jahr 2013 wurde die OJW beim deutschen Alterspreis ausgezeichnet, sie hat den zweiten Platz belegt. Neben den Senioren versuchen wir, auch die Eltern einzubinden. Wir sind eigentlich eine Mehrgenerationenwerkstatt.

Lernen mitunter auch die Alten von den Jungen etwas?

Wir erleben oft die Situation, dass Senioren mit ihrem Handy kommen und fragen: „Kannst Du mir mal zeigen…?“ Das ist das typische Beispiel. Die Älteren tun sich schwer und die Jüngeren drücken zweimal drauf, und es funktioniert wieder wie es soll.

Ihr seid gut vernetzt in der Region, mit Schulen und anderen Bildungsinstitutionen, aber auch mit ansässigen Unternehmen. Welchen Tipp würdet Ihr Werkstattgründer*innen mit auf den Weg geben, um mit Unterstützern ins Gespräch zu kommen?

Inzwischen hat die OJW 18 Firmen als Fördermitglieder und sieben Schulen. Wichtig ist, dass man eine Win-win-Situation schafft. Wenn sich Firmen finanziell oder materiell engagieren, kann man ihnen z.B. die Möglichkeit bieten, ihr Handwerk in der OJW vorzustellen. Dazu arbeiten wir auch mit der Handwerkskammer, die bei uns Veranstaltungen machen kann.

Welche Werkbereiche beherbergt die Offene Jugendwerkstatt Karlsruhe aktuell?

Wir haben eine große Holzwerkstatt, die voll ausgestattet ist – fast wie ein Profibetrieb –, eine Metallwerkstatt mit angeschlossener Schmiede, eine KFZ-Werkstatt. Dann haben wir vor Jahren gesagt, das Angebot ist zu „jungslastig“, wir müssen auch was für junge Mädchen bieten, deswegen haben wir die Schmuckwerkstatt ins Leben gerufen. Sehr interessant ist auch die Glasbläserei, angeboten von einem ehemaligen Teilnehmer, der quasi in der OJW aufgewachsen und eine Ausbildung als Glasbläser gemacht hat. Er zeigt jetzt hier Kindern sein Handwerk. Die können dann zum Beispiel Weihnachtskugeln machen.

 

Versucht Ihr, Kinder auch an „geschlechtsuntypische“ Tätigkeiten heranzuführen, sodass die Mädchen auch ermuntert werden mit schwerem Gerät zu arbeiten, oder auch der Junge sich Schmuck machen darf?

Ich bin da oft überrascht: Bei offenen Veranstaltungen melden sich oft viel mehr Mädchen zum Schmieden und Schweißen als Jungs. Die gehen viel lockerer an die Sachen heran und mit weniger Angst. Auch in der Holzwerkstatt sind viele Mädchen tätig, die machen Nachtkästchen oder ein Bett, ganz ohne Berührungsängste.

Was sind die Hauptaktivitäten, die durch die explore-Förderung möglich wurden?

Die Möglichkeit, Kinder zu besuchen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zur OJW kommen können oder wollen. Die mobile Jugendwerkstatt wird die Hauptaktivität. Und wenn die Werkstatt nicht unterwegs ist, werden wir sie auf unserem Gelände nutzen, z.B. im Winter. Der Anhänger ist ein isolierter Container, der nach einer Stunde so warm ist, dass man mit bis drei vier Jugendlichen drin arbeiten kann.

Wie ist der Anhänger ausgestattet?

Wir sorgen gerade dafür, dass für die Holz-Metall- und Kunststoffbearbeitung alle Maschinen an Bord sind: Eine Kap-/Zugsäge, eine Tischbohrmaschine und eine Bandsäge, verschiedene Handgeräte wie Stichsäge, Kreissäge, Winkelschleifer und Akkugeräte wie Bohrmaschine, zur Modellbaubearbeitung Dremel- oder Proxxon Werkzeuge, eine Lötstation für kleine Lötarbeiten mit LEDs. Der Container ist in zwei Bereiche aufgeteilt, der vordere Bereich ist für Dinge vorgesehen, die Schmutz und Staub machen, der hintere eher für 3D-Druck. Mittelfristig soll noch eine CNC-Fräse dazukommen.

Was erhofft Ihr Euch von der mobilen Werkstatt?

Dass wir für den Verein werben können und Kinder in Schulen oder Jugendzentren durch mobile Aktionen für die OJW begeistern können. Gerade sind wir dabei, den ersten Termin mit der Spiel- und Lernstube Durlach zu machen.

Euer Eindruck: Was macht das Selbermachen/das Umsetzen eigener Projekte und Ideen mit den Jugendlichen?

Es stärkt das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl der Kinder, eine eigene Idee zum Abschluss zu bringen. In der Schule können sie zwar auch Praxisprojekte machen, aber es ist eben ein Thema vorgegeben – das machen die Kinder dann, weil sie müssen, und bei uns haben sie die Möglichkeit, das zu machen, was Ihnen Spaß macht.

Kommen Jugendliche über einen längeren Zeitraum in die Offene Jugendwerkstatt?

Ja, auf jeden Fall! Es gibt inzwischen viele junge Menschen als Betreuer in der Werkstatt, die früher als Kinder in der Jugendwerkstatt waren. Der zweite Vorsitzende ist in der OJW großgeworden.

Welche Gewerke, die es bislang noch nicht in der Offenen Jugendwerkstatt gibt, oder: welche Techniken, die bislang noch nicht umgesetzt wurden, würdet Ihr gerne noch in das Angebot aufnehmen?

Die OJW ist schon ziemlich breit aufgestellt, aber trotzdem haben wir noch viele Wünsche. Wir müssen aber immer schauen, dass wir genügend Betreuer haben. Elektronik würden wir gerne mehr anbieten. Aber alles, was über Bastelarbeiten mit LEDs hinausgeht, übersteigt momentan unsere Kompetenz. Was wir gerne im Bereich Handarbeit anbieten würden ist Weben. Da hätte ich ein Projekt im Auge, bei dem die Kinder einen klappbaren Rahmen selbst bauen. Der passt dann auf den Gepäckträger eines Fahrrads und die Kinder könnten so ihr Werkstück mit nach Hause nehmen, um auch am Wochenende weiter daran zu arbeiten.

Lieblingsgegenstand, den Du/Sie selbst in der Offenen Jugendwerkstatt angefertigt hast/habt?

Eigentlich kein Gegenstand. Was mich sehr begeistert, ist, dass man bei uns aus Rohstoffen selber Filament herstellen kann. Im vergangenen Jahr hatten wir mehrere Schülergruppen, die Kunststoffe aus dem Müll gesammelt haben. Jede Gruppe hat sich einen anderen Kunststoff vorgenommen und getestet, ob man ihn so verarbeiten kann, dass man danach 3D drucken kann.

Welche Kunststoffe eignen sich besonders zur Weiterverarbeitung?

ABS, der Kunststoff, aus dem Legosteine sind. ABS wird häufig für Elektrogeräte verwendet, die Kinder hatten dann den Deckel von einem Drucker, das Gehäuse eines Fernsehers dabei. PET Flaschen gehen auch, aber die sind eben im Recyclingkreislauf.

Lieblingsgegenstand eines*r Nutzer*in, der in der Offenen Jugendwerkstatt entstanden ist?

Beliebt ist alles, was mit Mobilität zu tun hat an. Das fängt bei Seifenkisten an, Kettcars. Die Kinder versuchen, die Gefährte zu elektrisieren. Und Fahrräder natürlich, kleinere Lastenfahrräder. Die kann man zwar nicht in den Straßenverkehr entlassen, aber dann fahren sie eben hier auf dem Gelände.

Welches Handwerk willst Du gerne persönlich ausprobieren?

Computergestützte Bearbeitung von Holz, Kunststoff und Metall. Aber wir achten auch immer darauf, dass das Handwerk nicht zu kurz kommt.

Was sind die nächsten Ziele der Offenen Jugendwerkstatt? Was wünschst Du Dir für die Zukunft der OJW?

Gerade haben wir einen Förderantrag gestellt für den Betrieb eines Schülerforschungszentrums mit Schwerpunkt Kunststoff, Re- und Upcycling, so etwas gibt es auch noch nicht in unserer Gegend. Und allgemein wünschen wir uns mehr Betreuer, damit wir noch mehr Angebote umsetzen können. Und natürlich immer viele begeisterte Kinder, die unsere Werkstatt besuchen.