Erfindergarden explore Maker Tour - Wunschprojekt und was wirklich funktioniert

10. November 2019 | von Andreas Kopp
explore

Idee vs. Reality

Die Idee der Erfindergarden Maker Tour war es das Interesse junger Menschen ab 13 Jahren an DIY und Maken durch Pop Up Labs in Schulen und Jugendzentren zu wecken und dann zu unseren regelmäßigen Treffen in das Erfindergarden Lab nach München und ins Oberlab nach Holzkirchen einzuladen. Dort wollten wir mit Hilfe von Mentoren die Teilnehmer bei ihren eigenen Projekten unterstützen und dann mit den Jugendlichen auf eine Maker Faire fahren auf der sie dann ihre eigenen Projekte ausstellen sollten. Die Wahl der Projekte sollten frei zu entscheiden sein. Durch das Durchziehen eines eigenen Projektes und das jeder etwas machen kann zu dem er Lust hat sowie das Erlebnis der Teilnahme und Reise zu einer Maker Faire und die Präsentation eines Projektes - ähnlich wie bei Jugend forscht hofften wir, dass die Teilnehmer "Makerblut" lecken würden und so zu festen Lab Mitgliedern werden würden. Im Erfindergarden hatten wir bereites eine komplette Ausstattung mit 3D Drucker, Lasercutter, Lötstationen, Computern und Vinylcutter und vielen Handwerkzeugen. Für das Oberlab wurden einige Anschaffungen getätigt wie ein 3D Drucker und Lötstationen.

Leider war die Idee in der Realität schwer umsetzbar. Wir haben zwar ein Pop Up Lab in einer Schule in Gmund in der Nähe des Oberlabs organisiert und die Jugendlichen hatten durchaus Interesse an CNC-Stickmaschine, 3D Drucker und Vinylcutter, wir hatten sie dann aber nicht gleich zu einem regelmäßigen Treffen eingeladen, weil ein Betreuer im Oberlab gefehlt hatte. In den letzen 4 Jahren Erfindergarden habe ich gelernt wie wichtig Rituale wie feste Treffen und feste Betreuer sind, die selber begeisterte Maker sind und die Jugendlichen in persönlich 1to1 Sessions unterstützen. Im Erfindergarden Treffen wir uns seit 4 Jahren jeden Mittwoch, Freitag und oft auch am Samstag und sogar in den Ferien. Die Jugendlichen kommen früher als die geplanten Club Treffen und gehen auch später. Die meiste extra Zeit ist dabei ehrenamtlich und wird nicht durch die monatlichen Mitgliedsbeiträge gedeckt. Auch haben wir ein paar regelmäßige Besucher die keine Mitgliedsbeitrag zahlen. Die explore Förderung hat uns dabei geholfen auch diese Jugendlichen betreuen zu können.


In München haben wir ein Pop Up Lab im Pixel beim Gasteig organisiert und Kontakt zu mehreren Jugendzentren aufgenommen und ich habe auch fünf Praktikanten bei einem 1-wöchigem Praktikum im Erfindergarden betreut mit der Hoffnung, dass einer der Praktikanten danach regelmäßiger kommen würde und beim explore Projekt mitmacht. Leider ist nach der Woche Praktikum keiner der Jungs wiedergekommen. Die Praktikanten kamen aus einer Wohngegend die zu weit weg vom Erfindergarden gelegen ist und die meisten waren eher an Fußball interessiert anstatt an DIY, Computer, Technik und Elektronik. Eine Umfrage unter den regelmäßigen Erfindergarden Besuchern hat ergeben, dass die meisten zwischen 30 und 45 Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Erfindergarden benötigen und aus dem gesamten Stadtgebiet kommen. Wir haben Jugendliche die ins Gymnasium in die Realschule oder der FOS gehen und einer macht bereits eine Ausbildung. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass wenn jemanden länger als 1 Stunde zum Erfindergarden benötigt oder wenn jemand aus dem Münchner Umland kommt irgendwann der Anfahrtsweg eine zu große Belastung wird und eine kleine Veränderung in der Schule dazu führt, dass die wöchentlichen Treffen ausgelassen werden und wenn man erstmal ein paar Wochen ausgesetzt hat, die Chance groß ist dass man gar nicht mehr kommt.

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Die Werbung bei Jugendzentren war ebenfalls erfolglos. Die meisten Leiter der Jugendzentren die ich kontaktiert hatte, hatten kein großes Interesse zu einer Zusammenarbeit. Zumindest konnte ich einen technikbegeisterten Leiter finden und mit ihm einen gute Beziehung aufbauen. Ich habe ihm bereits einen 3D Drucker geschenkt und ihm eine Schulung gegeben. Mit der explore Förderung konnte ich dann einen Ersatzdrucker für den Erfindergarden anschaffen. In 2020 ist bereits eine Kooperation mit diesem Jugendzentrum geplant (103er). Durch diesen Erfahrungsaustausch habe ich erfahren, dass die meisten Besucher dieses Jugendzentrums aus der direkten Nachbarschaft stammen und dass diese der Einschätzung des Leiters nach eher nicht so eine große Technikbegeisterung aufweisen, so dass sie regelmäßig zum Erfindergarden fahren würden. Trotzdem hoffe ich, dass ich durch diese Kooperation in Zukunft auch ein paar feste Mitglieder für den Erfindergarden finde und ich auch Jugendliche aus anderen Schichten erreichen kann.


Durch meine Recherche und der Besuch mehrerer Jugendzentren in München habe ich festgestellt, dass die meisten regelmäßigen Besucher dort aus der direkten Nachbarschaft stammen und oft auch gleich eine Schule in der Nähe ist. Eine ideale Location für eine offene Werkstatt für Jugendliche wäre direkt in der Nähe einer Schule damit der Fahrtweg möglichst gering ist. Eine eigenständige offene Werkstatt in einer Schule, die zum einen Angebote während der Schulzeit anbietet aber auch eine dritten freieren Raum für nach der Schule bietet wäre auch denkbar. 

Der Kontakt zu Schulen hat mir gezeigt, dass beim Arbeiten mit Schulen mit langen Vorlaufzeiten zu rechnen ist und man ein konkretes Schulprogramm ausarbeiten sollte. Gerade arbeite ich an solch einem Programm und ich möchte im neuen Jahr mit einem kleinen mobilem Lab auf einem Lastenfahrrad zu Münchner Schulen fahren und dort Kontakte knüpfen. Mehr dazu im zweiten Blogpost. 

Das explore Projekt hat mir gezeigt, dass ich die Einstiegsbarriere und die Anforderungen für die Maker Tour zu hoch gewählt hatte. Sogar aus meiner Erfindergarden Gruppe konnte ich nur einen Jugendlichen dazu motivieren ein eigenes Projekt umzusetzen und das Projekt dann auf einer Maker Faire auszustellen. 

Die meisten Jugendlichen schaffen es nicht ein Projekt alleine durchzuziehen und benötigen sehr viele Hilfe von einem Mentor. Oft wählen sie den Schwierigkeitsgrad des Projektes zu hoch. Nur wenige haben das Selbstvertrauen einfach zu machen und "on the go" die Maschinen und die Software zu lernen und ein Projekt durchzuziehen. Die besten Ergebnisse hatten ich wenn ich eine Praktikanten eine Woche oder zwei Wochen betreut hatte oder wenn wir Projekte in den Ferien durchgeführt haben, wie den Bau einer Terasse vor unserer neuen Erfindergarden Location. Am liebsten würde ich in Zukunft häufiger intensive zwei Wochen Projekte mit Jugendlichen umsetzen. Ein Beispiel wo das schon gemacht wird ist die Nuvu Innovation School in Cambridge in den USA.

Make Munich und Maker Faire Wien

Zumindest habe ich es geschafft einen Jugendlichen zu motivieren ein eigenes Projekt umzusetzen. Der Junge hat das Projekt bei der Make Munich ausgestellt und es sogar selbstständig bei der Maker Faire Wien angemeldet und wir sind dann zusammen nach Wien. Es war ein elektronischer Marshmallow Nerfgun Schießstand. Der Junge war allerdings vorher schon auf zwei anderen Maker Faires und war dadurch inspiriert etwa eigenes zu machen. In Zukunft soll es nicht mehr notwendig sein beim ersten Maker Faire Trip ausstellen zu müssen. Mann soll sich beim ersten Besuch einer Maker Faire einfach nur inspirieren lassen können. Zur Maker Faire Prag bin ich dann alleine gefahren, weil gerade Klausurenzeit war und ein Junge kurzfristig abgesagt hatte. Dort habe ich mehrere Jugendliche und ihre Projekte gesehen. Dort scheinen Technik und Roboterclub eine lange Tradition zu haben. 

Fokus auf Bestehende Community

Das Ziel des explore Programms war es ja nicht nur einmalige Programme durchzuführen sondern regelmäßige Mitglieder für offene Werkstätten zu gewinnen. Ich habe viel Zeit damit verbracht mir Projekte auszudenken wie ich neue junge Mitglieder gewinnen kann. Letztendlich sind aber alle neuen Mitglieder in diesem Jahr die zu unserer Gruppe gestoßen sind durch Freunde unser bestehenden Jugendgruppe gekommen. Oft tauschen sich auch die Eltern untereinander aus. Es scheint dass Mund-zu-Mund Progaganda einer der besten Methoden ist um neuen Mitglieder zu gewinnen. Deshalb werde ich mich in Zukunft mehr darauf fokusieren noch weitere Freunde meiner bestehenden Gruppe als Mitglieder zu gewinnen. Eigentlich brauchen die Jugendlichen nur schnelles Internet, einen Raum in dem sie sich wohl fühlen und eine Ofen für Pizzas. Die Maschinen wie 3D Drucker und Werkzeuge stehen erst an zweiter Stelle sind aber trotzdem wichtig um den Fokus des Raumes zu definieren. Deshalb habe ich auch in dem Umwidmungsantrag die Anschaffung eines Pizzaofens eingeplant und ich will monatlich ein Pizza und Make Event veranstalten bei dem die Jugendlichen ihr Freunde einladen können. Es wird Pizza geben und es kann 3D gedruckt und gelasert werden. Auch habe ich die Gruppe in die Gestaltung und den Ausbau der neuen Räume einbezogen und wir haben schon zusammen Möbel gebaut und die Terrasse gebaut. Mehr dazu im zweiten Blog Post. 


Was haben wir gelernt?

Durch das explore Projekt habe ich auch das Erfindergarden Projekt reflektiert und ich kann besser schreiben was bei uns funktioniert hat, um regelmäßige Werkstattmitglieder zu finden und was nicht.

Das Projekt Erfindergarden ist mittlerweile fast 5 Jahre alt und von Anfang war der Fokus Kinder und Jugendliche zum Selbermachen und Tüfteln zu begeistern. Zu Beginn des Erfindergarden hatten wir uns jeden Freitag getroffen und ich hatte jedes mal kleine Projekte mit dem Raspberry Pi und Minecraft vorbereitet. Irgendwann war es dann nicht mehr möglich die ganze Gruppe auf ein Projekt zu fokussieren und wir haben das Konzept zu einer offenen Werkstatt geändert und   wir haben uns Mittwochs und Freitags zum sogenannten Pi Club getroffen. Irgendwann haben wir auch den Samstag hinzugenommen. Wir haben meist zu zweit eine Gruppe von bis zu 12 Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 16 Jahren betreut. Meistens haben wir Betreuer auch einfach an unseren eigenen Projekten gearbeitet und so versucht die Jugendlichen neugierig zu machen. Dann haben wir uns einzelne herausgepickt und Ihnen bei einem Projekt geholfen. Die Bandbreite reichte von Fräsen, Lasercutten, Elektronik, Programmieren, 3D Druck und Design. Mittlerweile hat sich eine ziemlich homogen Gruppe gebildet. Die meisten sind 16 Jahre alt. Wir haben aber auch zwei 14-Jährige und einen 15-Jährigen. Mädchen sind nicht dabei. Die Jungs bringen aber ab und zu auch Freundinnen mit. Die meisten jüngeren Mitglieder kommen mittlerweile nicht mehr. Wir hätten wahrscheinlich noch eine zweite Gruppe mit einem geringen Altersdurchschnitt aufbauen müssen in der dann vorbereitete Projekte durchführt werden als Vorstufe zur offenen Werkstatt.  Das haben wir aber bisher noch nicht personell hinbekommen. 

Hier ein paar Punkte die bei uns geklappt haben:

  • Niedrige Einstiegsbarrieren: Einstiegsworkshop am Wochenende anbieten (zu Beginn haben wir mit dem Minecraft Hacking Workshop die meisten Mitglieder gewonnen)
  • bestehende Mitglieder laden ihre Freunde ein (Mund-zu-Mund Propaganda ist wichtig)
  • Technikbegeisterung sollte vorhanden sein (Kinder müssen selber wollen nicht nur die Eltern)
  • wöchentliche feste Treffen zu festen Zeiten (auch in den Ferien und auch mal am Wochenende)
  • Schülerpraktika anbieten
  • kein Druck etwas zu machen, warten bis Jugendliche um Hilfe bitten
  • Auch bei schwierige Projekte helfen 
  • neue Jugendliche in die Gruppe integrieren
  • feste Bezugspersonen, am besten begeisterte Maker
  • Betreuer arbeiten an eigenen Projekten
  • gute Erreichbarkeit des Raumes
  • ein Ofen oder eine Mikrowelle sollte vorhanden sein damit sie etwas zum essen zubereitet werden kann
  • die Jugendlichen müssen sich im Raum wohl fühlen und sollten ihn auch mitgestalten dürfen
  • immer wieder für Abwechslung sorgen und neue Projekte anstoßen
  • eine große Bandbreite an verschiedenen Bastelmöglichkeiten anbieten von analog bis High-Tech damit etwas für jeden dabei ist
  • nicht persönlich nehmen wenn Jugendliche wenig Dankbarkeit zeigen und alles für selbstverständlich halten
  • Events veranstalten bei denen die Mitglieder ihre Freunde mitbringen können

 

Was hat nicht bisher nicht geklappt: 

  • ein regelmäßiges Angebot für unter 13 jährige aufzubauen
  • Mädchen zum regelmäßigen kommen zu begeistern
  • mehr ehrenamtlich Betreuer für die Jugendlichen zu finden (am besten wäre ein Frührentner der gerne bastelt)
  • dass mehr Jugendliche selbstständig Projekte durchführen

 

Ich freue mich darauf dir auch persönlich weitere Fragen zu beantworten. 

 

Andreas Kopp, andreas@erfindergarden, Tumblingerstr. 29/Zenettistr. 11, 80377 München.