Die "smarte" Stadt neu denken

 Die «Smart City» ist ganz offensichtlich unter allen Smartness-Konzepten dasjenige, das im vergangenen Jahrzehnt am stärksten die öffentliche Meinung und Fantasie okkupiert und beflügelt hat. Es ist zudem eines der politisch wichtigsten und folgenreichsten, da es weltweit das Denken und Handeln von Stadtplaner*innen, Architekt*innen, Betreibern von Infrastrukturen, Immobilienentwicklern, für das Verkehrswesen Zuständigen, Bürgermeister*innen, aber auch von ganzen Industrien durchdringt und beeinflusst.

Am 04.Dezember wurde im CRCLR-House in Berlin im Rahmen einer Veranstaltung (Smart Cities zwischen Datenextraktivismus und Rekommunalisierung) mit Andrej HolmEvgeny Morozov und Katalin Gennburg die Zukunft unserer immer "smarter" werdenden Städte diskutiert. Wer bringt warum welche Technologie in die Städte und wer profitiert davon? Über 600 Menschen kamen zusammen.

Dabei wurde auch die jüngste Studie von Evgeny Morozov und Francesca Bria "Die smarte Stadt neu denken" vorgestellt. Die Studie steht als PDF zum Download zur Verfügung und kann auch kostenfrei bestellt werden.

Foto:CC-by-2.0 Rosa Luxemburg Stiftung

Wie die meisten smarten Dinge und Phänomene lässt sich die Smart City nicht auf eine einzige Bedeutung reduzieren, was mit Sicherheit dazu beigetragen hat, dass dieses Modewort rasend schnell von bestimmten Berufsgruppen und Eliten aufgegriffen wurde und rege Verbreitung fand. Was für die einen vor allem mit einer sinnvollen und ökologischen Nutzung von städtischen Ressourcen zu tun hat, steht für die anderen für die Anwendung von intelligenten Instrumenten in Echtzeit – etwa smarte Ampelanlagen wie in Rotterdam, die bei regnerischem Wetter Fahrradfahrer*innen gegenüber Autofahrer*innen bevorzugen –, die störungsfreie urbane Erfahrungen verheißen und die Städte noch attraktiver machen sollen für diejenigen Personengruppen, die Stadt-Gurus wie Richard Florida die «kreative Klasse» nennen. Smart Cities ziehen smarte Bürger*innen an und smarte Bürger*innen ziehen smartes Geld an. Damit scheint im Prinzip alles Wesentliche gesagt.

...oder doch nicht?

Für einen kohärenten Gegenentwurf ist es höchste Zeit. Wie fügt sich «Smartness» in das allgemeine Set neoliberaler Praxen und austeritätspolitischer Zwänge ein, mit denen die Handlungsautonomie der Städte seit Jahrzehnten beschnitten werden? Welche Rolle spielt die Erfassung und Verarbeitung von Unmengen an Daten für die fortgesetzte Privatisierung öffentlicher Infrastrukturen? Welchen Handlungsspielraum haben hier kommunale Akteure angesichts globaler Finanzmärkte, knapper Haushalte und restriktiver Sparpolitik? Und wie lassen sich sowohl die Verfügung über unsere Daten, als auch notwendige soziale Infrastrukturen unter demokratische Kontrolle bringen?

Humor und Ironie ganz dicht beieinander. Hier geklaut.

Francesca Bria, Chief technology and digital innovation officer der Stadtregierung Barcelona, beschrieb die Rolle der "Maker" und Offenen Werkstätten sinngemäß etwa so: "In den FabLabs und Makerspaces sind die Akteure zu finden, die diesen demokratischen Umbau denken und verwirklichen können. Sie verfügen oft über tiefes, technologisches Verständnis und einen starken Willen Technologie zu demokratisieren. Stadtverwaltungen müssen stärker mit diesen Orten und Menschen zusammenarbeiten, wenn die Stadt nicht der Willkür von Konzernlogiken ausgeliefert und damit Stück für Stück ihrer Souveränität beraubt werden soll. Was in diesen Nieschen gedeiht, muss stärker ins Bewußtsein rücken!"

Foto: CC-by-2.0, Rosa Luxemburg Stiftung, Evgeny Morozov und Francesca Bria

In Barcelona gibt es den sog. "Maker-District". Die Stadt unterhällt (neben etlichen privaten Initiativen) auch vier kommunale FabLabs als Infrastrukturleistung für die Stadtgesellschaft.

Interview mit Francesca Bria Ausgabe 08/2018 in Der Freitag

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